Reisebericht Rundreise West-Island – Hoffnungslos verliebt!

Island ist eigentlich ein Dorf

07.07.11

Noch im Landeanflug auf Island habe ich keine Ahnung, was mich eigentlich auf der größten Vulkaninsel der Welt erwartet.

Im Jahr 2008 wussten wir noch nichts von frechen Vulkanen, wie dem Eyjafjallajökull oder Aschewolken. Island war ein Land am äußeren Rande Europas, wo kleine Mädchen immer mal zum Ponyreiten hin wollten… Eigentlich stellte ich mir Island recht klein vor, denn immerhin hatten rund 4 Stunden vorher im Gate der Icelandair alle isländischen Passagiere unseren isländischen Reiseleiter mit Handschlag begrüßt. Man hatte sich über die Familie, gemeinsame Freunde und das Wetter unterhalten. So wie bei uns im Dorf. Es konnte also nicht so groß sein und alle Menschen müssen nah beieinander wohnen, wo man sich doch so gut kennt. Doch Arthur Bollason, unser Reiseleiter, Bilderbuch-Isländer und passenderweise Buchautor, wird uns eines Besseren belehren und uns seine Heimat ganz nahe bringen.

So lande ich in Island, der größten Vulkaninsel der Welt, vollkommen vorurteilsfrei und ohne große Erwartungen, bereit, mich vom Land der Sagas verzaubern zu lassen.

Isländischer Jungbrunnen
Als ich aus dem Flughafengebäude trete, liegt vor mir die wohl bizarrste Landschaft, die ich bis dahin gesehen hatte. Das Land ist wellig und schwarze Lavafelder breiten sich vor meinem Auge bis an den Horizont aus. Hier und da finden weiße Dampfschwaden den Weg an die Oberfläche und erinnern daran, dass die Insel immer noch 30 aktive Vulkane hat. Zwischen all dem Schwarz und Weiß, sprenkelt Moos knatschgrüne Farbtupfer in die Landschaft, durch die sich nun die Asphaltstraße unter unserem Bus schlängelt. Rund 20 Minuten ändert sich die Landschaft vor dem Fenster nicht, doch dann kommt ein neuer Farbtupfer hinzu. Vor uns liegt ein babyblauer See – Nachschub für den Jungbrunnen der Isländer. Die Blaue Lagune ist ein recht modernes Thermalfreibad, dessen strahlend blaues Wasser nicht nur bei sämtlichen Hautkrankheiten helfen, sondern auch mindestens 10 Jahre jünger machen soll. Wenig später planscht auch unsere Reisegruppe im babyblauen Wasser zwischen den schwarzen Lavafelsen. Das Wasser ist angenehm warm und wir fangen an, uns den angereicherten Schlamm aus den Eimern am Beckenrand ins Gesicht zu reiben. Ich bin vorsichtig, denn immerhin bin ich noch zarte 26. 10 Jahre jünger? Wer möchte denn noch mal 16 sein? Ich begnüge mich mit einer hauchdünnen Schicht – 6 Monate tun es auch. Der Rest meiner Reisegruppe ist da hoffnungsvoller und verwandelt sich vor meinen Augen zu kleinen Schlammmonstern. Der Boden unter meinen Füßen fühlt sich komisch an. Ich buddle mir mit den Fingern ein wenig Schlamm in die Hand und erschrecke: Der Schlamm ist pechschwarz, das Wasser aber immer noch hellblau. Man erklärt uns, dass es ist nicht der Himmel ist, der sich im Wasser spiegelt, es sind die Mineralien im Wasser, die es blau scheinen lassen. Dann der nächste Schreck, neben mir tauchen zwei Mitarbeiter der Blauen Lagune auf. Beide tragen Badeanzüge, die an einen Frack erinnern. Im Licht des orange-goldenen Sonnenuntergangs servieren sie uns knatschblaue Cocktails. Willkommen in Island.

Isländische Geisterbahn, ein Rhabarber-Virtuose & der Tomatenautomat
Am nächsten Morgen wache ich in einem kleinen Hotel irgendwo im Nirgendwo auf und wie gewohnt gehe ich erst einmal zum Fenster, um zu schauen, wo ich denn gestern Nacht in der Dunkelheit gelandet bin. Das Wetter vor meinem Fenster macht eher Lust noch einmal zwischen die Daunen zu krabbeln. Dicker Nebel und Regen nehmen mir jede Sicht.
Als wir in den Bus steigen, scherzt Arthur noch: „In Island beklagt sich keiner über das Wetter. Denn in 20 Minuten kann es schon ganz anders aussehen.“ Doch leider hat er Unrecht, der Regen bleibt heute unser treuer Begleiter.
Doch das macht erst einmal nichts, denn zunächst steht ein Besuch im Landnahmemuseum von Borgarnes an. Hier sollen wir alles über die bekannte Saga von Egill Skallagrímsson erfahren. Die Sagas kennt in Island jedes Kind, wie bei uns Grimms Märchen, und die Protagonisten werden als Vorfahren und liebe Verwandte angesehen. Eine der Bekanntesten ist die Egill Saga, die im Museum in Borgarnes erneut zum Leben erweckt wird. Das Museum ist so klein, dass man nur mit Audioguides nacheinander die Ausstellung betreten kann. Doch unser Arthur hat den deutschen Text auf den Geräten eingesprochen, so vermissen wir ihn nicht allzu sehr. Das Museum erinnert einen mit seinen engen, dunklen Gängen und den vielen Geräuschen, Figuren und teilweise blutigen Geschichten ein wenig an die Geisterbahn im Phantasialand. Doch die ist nicht so modern und mit soviel Liebe zum Detail gestaltet. Den meisten Spaß bekommen wir auf einem Schiffsbug, der sich originalgetreu bewegt, inklusive Wellenrauschen und Mövengeschrei. Da wird sogar unsere japanische Mitreisende für einen Moment zu einem stolzen Wikingerkapitän.
Als wir wieder ans Tageslicht kommen, sind wir vertraut mit der isländischen Geschichte und haben die Isländer schon wieder ein Stück mehr ins Herz geschlossen.

Der Regen hört trotzdem nicht auf und anstatt durch die grüner werdende Landschaft zu wandern und Wasserfälle und Geysire zu entdecken, muss ein Alternativprogramm her.
„Hey, ich hab da einen Freund, da gleich hinter diesem Berg. Lasst uns doch mal schauen, ob er zuhause ist,“ schlägt Arthur vor. Ja, so geht das in Island. Man kennt sich halt.
Unser Bus hält auf dem Kiesplatz vor einem kleinen Haus mitten in der „Pampa“. Links steht eine kleine Kirche und rechts ein runder Steinturm. Wir steigen aus und Arthur läuft zum Haus. „Schaut euch schon einmal um.“ Wir schauen uns verdutzt an. Was soll es hier zu sehen geben? Dann schauen wir und entdecken rund herum im Gras Steine, die mit Hammer und Meißel in Gesichter verwandelt wurden. „Hey ist das nicht die Queen?“ ruft einer. Da erscheint Arthur mit einem Mann im Schlabberstil – typisch Künstler. Er wird uns als Palli vorgestellt und etwas ganz Verblüffendes vorführen. Denn Palli ist nicht nur Bildhauer, er ist auch Musiker. Sein Instrument ist aber nicht etwa eine Gitarre oder ein Flügel. Nein, Palli spielt auf Steinen und getrockneten Rhabarberhölzern. Und so führt uns Palli in die kleine Kirche, wo er uns auf Rhabarber und auf Steinen eine Symphonie von Beethoven vorspielt.

Doch dies ist nicht die letzte Skurrilität des Tages. Auf dem Rückweg zum Hotel kündigt uns Arthur den berühmten Tomatenautomaten an. Auf Grund der nicht gerade gemüseanbautauglichen Temperaturen, nutzt man die geothermische Energie, um Gemüse in großen Gewächshäusern zu züchten. Einer dieser Bauern hat aber anscheinend nicht so große Lust sein Gemüse meilenweit zum nächsten Supermarkt zu bringen und stellte daher einen Tomatenautomaten an den Wegesrand. Wir erwarteten natürlich höchste Technologie und ausgefeilte Mechanik. Doch wir fanden einen überdachten Holzkarren mit Plastiktüten voller Tomaten und einen Briefkasten, in den man so viele Groschen reinschmeißen konnte, wie die Tomaten einem Wert sind.
Langsam wird uns klar: „Die spinnen, die Isländer, aber auf furchtbar sympathische Art und Weise.“

Zwischen den Kontinenten bin ich auf einmal ganz klein
Als ich am nächsten Morgen aus dem Hotelfenster schaue, bin ich baff. Der Nebel und Regen hat sich verzogen und die Sonne scheint. Da wo gestern eine Nebelwand stand, ist ein blauer See und auf der rechten Seite erhebt sich majestätisch eine schneebedeckte Bergkette. Manchmal muss man halt in Island etwas länger warten bis die Sonne rauskommt, aber es lohnt sich.
Im Sonnenschein brechen wir auf und werden für das miese Wetter am Vortag entschädigt. Während Arthur uns von seiner Kindheit auf der Insel erzählt, kleben unsere Nasen an den Fensterscheiben. Die Landschaft da draußen lässt uns einfach nicht los. Gewaltige Berge mit Gletscherzungen und Schneekappen, kleine und große Wasserfälle, die unweit der Straße von Hängen herabstürzen, weite Lavafelder und grüne Ebenen – eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch und weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen.
So gelangen wir zum Thingvellir-See. Der Ort des ersten isländischen Parlaments ist nicht nur historisch wertvoll, sondern auch geographisch. Hier trennen sich die eurasische und amerikanische Kontinentalplatte jedes Jahr um 2 cm voneinander. Bevor wir durch die große Erdspalte wandern, genießen wir aber erst einmal die Aussicht. Vor uns breitet sich im sanften Sonnenlicht der riesige Thingvellir-See mit seinen kleinen Inseln in Ufernähe aus, hinter ihm erstrecken sich grüne Hügel gen Horizont und auf der linken Seite sehen wir große Berge, Gletscher und grün-braune Ebenen soweit das Auge reicht. In diesem Augenblick fühle ich mich fürchterlich klein, in dieser überwältigenden Natur. „Wow!“

Was findet man am Ende des Regenbogens?
Island ist nicht nur bekannt für seine Vulkane, sondern auch für seine Geysire. Noch bevor wir unseren Platz in der ersten Reihe vor dem Strokkur-Geysir beziehen, erzählt uns Arthur von der blauen Blase, die kurz vor dem Ausbruch auf der Wasseroberfläche erscheint. Für einen Augenblick denken wir: „Na klar, das ist jetzt auch wieder so eine Geschichte, wie die von den 2- und 4-Liter-Mädchen aus seiner Kindheit.“ Also warten wir auf den Ausbruch, der beim Strokkur-Geysir verlässlich alle 3-5 Minuten stattfindet. Wir warten und warten, das Wasser blubbert eine ganze Weile fröhlich vor sich hin und dann wölbt sich plötzlich die Wasserfläche nach oben und verfärbt sich intensiv azurblau. Es gibt sie wirklich die blaue Blase. Dann schießt die Wasserfontäne steil in den Himmel und taucht uns alle in einen zarten Nieselregen.
Dieser erwartet uns auch bei unserem nächsten Stopp – dem Gullfoss. Der beeindruckende Wasserfall stürzt sich in einer engen Schlucht 70m in die Tiefe. Vom Parkplatz führt ein kleiner Pfad zu den Felsvorsprüngen oberhalb des Falles. Als wir losstiefeln, entdecken wir einen kräftigen, bunten Regenbogen, der sich wie eine Brücke über die Schlucht spannt. Es scheint so, als würden wir auf das Ende des Regenbogens zulaufen. Doch an seinem Ende finden wir keinen Topf mit Gold, sondern ein einzigartiges Schauspiel aus tosenden Wassermassen, die sich direkt neben uns in 2 Kaskaden in die tiefe Stürzen. Es ist wahnsinnig laut, wahnsinnig feucht und ein zweites Mal fühle ich mich an diesem Tag von dieser ursprünglichen und unberührten Natur überwältigt.

Lamm oder Fisch oder gar der „schwarze Tod“?
Am zweiten Tag in Island hat es mich endgültig erwischt. Ich bin verliebt in dieses raue Land, dass einen ständig aufs Neue gefangen nimmt mit seiner unberührten Natur, der unendlich scheinenden Weite und den ständig neuen Panoramen, die sich hinter jedem Bergrücken, jeder Hügelkette und jeder Kurve vor uns erstrecken. Doch auch kulinarisch ist Island immer wieder für eine Überraschung gut. Zwar wurde ich vorgewarnt, dass es in Island entweder Lamm oder Fisch zu essen gibt. Doch habe ich am ersten Abend meine erste und bis heute einzige Möhren-Lakritz-Suppe gegessen. Und wer kann schon behaupten, er hätte schon einmal Trottellummen-Carpaccio oder fermentierten Haifisch gegessen? Letzterer schmeckt ein bisschen nach Käse. Aber das überraschendste Geschmackserlebnis wurde mir in flüssiger Form serviert. Im schummerigen Ambiente eines historischen, grasbedeckten Wikingergehöfts reicht man mir ein Schnapsglas. Als Rheinländer ist man ja von Geburt an nicht pingelig mit solchen Dingen Also leere ich das Glas in einem Schluck und spüre augenblicklich, wie sich mein Gesicht zerknautscht. Sehr wahrscheinlich sehe ich aus, wie eine von Pallis Steinmetzarbeiten. Ich kann nur sagen, Brandivin ist nichts für Ungeübte, also Nicht-Isländer, denn ich kann nun vollkommen nachvollziehen, warum dieser Schnaps der „schwarze Tod“ genannt wird.

Der Aschewolke sei verziehen
Als ich nach 5 Tagen in Westisland wieder im Flugzeug nach Hause sitze, fällt mir der Abschied schwer. Ich bin mir sicher, ich verlasse gerade einen der schönsten Flecken Erde, den ich je gesehen habe und so geht es mir bis heute. Island und seine Menschen sind mir ans Herz gewachsen.
Und noch eins am Schluss: Während die ganze Welt panisch auf Vulkanausbrüche und Aschewolken reagiert, steht der Isländer mit einer Tasse Kaffee am Küchenfenster und schaut sich das Spektakel entspannt aus der Nähe an.

C. Reiners, September 2008

Reisebericht von www.arte-reisen.de



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