Reisebericht Sibirien

21.10.14

Sibirien? Da ist es doch immer kalt, eisiger Wind heult durch tief verschneite Birkenwälder, Wölfe und Bären an jeder Ecke, wer will da schon hin? Nicht unbedingt ein stark frequentiertes Reiseziel, aber genau das hat mich und ein paar Kolleginnen und Kollegen gereizt. Und als wir da sind, ist es meist ganz anders, als uns die bemühten Klischees drohten. Also weg mit den überkommenen Vorstellungen und offen für Neues!

Sibirien? Da ist es doch immer kalt, eisiger Wind heult durch tief verschneite Birkenwälder, Wölfe und Bären an jeder Ecke, wer will da schon hin? Nicht unbedingt ein stark frequentiertes Reiseziel, aber genau das hat mich und ein paar Kolleginnen und Kollegen gereizt. Und als wir da sind, ist es meist ganz anders, als uns die bemühten Klischees drohten. Also weg mit den überkommenen Vorstellungen und offen für Neues!

Nowosibirsk heißt unser erstes Ziel, die drittgrößte Stadt Russlands, und dahin fliegen wir von München in einer Boeing 737-800 der russischen Fluglinie S 7 direkt. Die ist zwar etwas eng für die gut 4770 km in ca. sieben Stunden, die Bordverpflegung ist europäisch normal, die Stewardessen aber sehr ernst und Englisch wird meist nicht so recht verstanden. Die oneworld S7 Airlines bedient von Moskau (Domodedovo) und Nowosibirsk (Tolmachevo) ein großes Binnenstreckennetz in Russland mit 85 Destinationen sowie in 24 Länder der GUS, Europa, Naher Osten, Süd -Ost-Asien und Asien - Pazifik-Region. Zur Flotte gehören z.Z. 59 Flugzeuge von Airbus A320 und Boeing 737 und 767, die in 2013 mehr als 9 Mio. Passagiere beförderten. Von Deutschland aus gibt es Direktflüge nach Nowosibirsk von München ( wöchentlich Samstags ) und Frankfurt (wöchentlich Sonntags).

Landung auf dem Flughafen Tolmachevo, ein hochmoderner Bau, effizient mit kurzen Wegen und allen Annehmlichkeiten. Etwas ganz besonderes entdecke ich im ersten Stock. Hinter einer unscheinbaren Tür gibt es für Mütter mit Kindern ein kleines Paradies. Ein großer Raum mit allerlei Spielgeräten für jedes Alter, daneben ein großer Schlafraum mit abgetrennten Liegen und Kinderbettchen, kindgerechte Badezimmer und Toiletten, eine voll ausgerüstete Küche, sowie weitere Aufenthaltsräume. So etwas habe ich noch auf keinem anderen Flughafen gesehen, dazu ist das alles kostenlos. Und auch verständlich, wegen der zum Teil riesigen Entfernungen und langer Anreise zum Flughafen. Wunderbare Einrichtung! Ein sehr angenehmer VIP-Bereich inklusive Ein- und Ausreisekontrollen machen den Aufenthalt dort sehr angenehm. Neben dem Flughafen gibt es nur wenige Laufminuten entfernt zwei Hotels. Der Weg in die Stadt selbst ist in einer guten halben Stunde mit Auto oder Bus zu schaffen. Da man in Sibirien unendlich viel Platz hat, sind die Straßen im Allgemeinen auch sehr, sehr breit. Wir fahren ins Hotel „Doubletree Hilton“ im historischen Stadtkern und ruhen uns etwas aus vom anstrengenden Flug. Das Hotel bietet vollen westlichen Standard auf gehobenem Niveau.

Nach einem guten Frühstück sind wir bereit, die Stadt mit der typisch sowjetischen Architektur im Zentrum zu erkunden. Und – von wegen eisiges Sibirien, es ist angenehm war, mindestens 25 Grad und strahlender Sonnenschein. Nowosibirsk, die drittgrößte Stadt Russlands ist eine junge Stadt, gerade mal etwas über 100 Jahre alt und hat ca. 1.5 Mio. Einwohner. Ihre Gründung verdankt sie dem Bau einer Eisenbahnbrücke der Transsibirischen Eisenbahn über den Fluss Ob. Da stehen wir jetzt am Ufer und bestaunen die neuen Brücken und den Rest der alten Brücke als Denkmal. Wir gehen zum Bahnhof. Nur aus einiger Entfernung sieht man, dass das türkisfarbene Bahnhofsgebäude die Form einer Lokomotive hat. Auf dem Vorplatz stärken wir uns erst Mal mit dem typisch russischen Erfrischungsgetränk „Kwass“, eine kohlensäurehaltige Mischung aus vergorenem Roggen und Malz mit Wasser. Die Verkäuferin ist ganz stolz auf ihr Erzeugnis, freut sich, dass es den Fremden auch schmeckt und trinkt es auch selbst. Innen staunen wir über die riesigen Aufenthaltsräume und die elektronische Anzeigetafel mit den Zugverbindungen, bei über 50 höre ich auf zu zählen. Das zeigt, dass die Eisenbahn wohl noch immer das Haupttransportsystem im weiten Russland ist. Wir bleiben beim Thema Eisenbahn und fahren hinaus aus der Stadt zum sibirischen Eisenbahnmuseum in der Nähe des Städtchens Akademgorodok. Auf dem Weg dahin steht ein großes Mahnmal für die Gefallenen aus dem 2. Weltkrieg, bewacht von größeren Schulkindern in Uniformen. Gerade ist Wachablösung und unter dem Kommando eines Veteranen mit ordensgeschmückter Brust nehmen die Kinder ihre Aufgabe sehr ernst. Bedrückend, auf den riesigen Wänden um das ewige Feuer, die vielen Namen zu lesen.

Das Museum wurde im Jahr 2000 eröffnet und zeigt mehr als 60 Exponate, Dampf- und Dieselloks, Waggons, Schneeräumfahrzeuge usw. Ich staune über die Pracht der Salonwaggons für den Zar und hohe Politiker, mit allem Luxus vergangener Zeiten ausgestattet. Sehr bedrückend dann ein Gefängniswaggon mit acht Pritschen in einem schmalen Abteil. Ich mache die Tür zu und denke schaudernd daran, hier drin Tage oder Wochen fahren zu müssen. Interessant auch die Waggons aus dem „Großen Vaterländischen Krieg“, u.a. eine Küche mit riesigen Kochkesseln und ein voll ausgerüsteter Sanitätswaggon. Ein anderes Gefährt kommt mir seltsam bekannt vor, ein Personenzugwaggon „4. Klasse“, da bin ich als Kind in Mitteldeutschland auf den harten Holzsitzen selbst noch mitgefahren. Auch historische Kraftfahrzeuge sind zu bestaunen, Autos, die man hier noch nie gesehen hat, allerdings zum Teil ziemlich abenteuerlich restauriert.
Auf der Straße des Dammes am Nowosibirsker Stausees Obskoe More halten wir, an Stöcken baumeln im Wind große Fische, Angler bieten frisch geangelte Edelfische wie Zander, Obstör, Sterlet, Muksun, Weißlachs, Huchen und Andere an, Anglerglück muss man haben. Der See ist gut 185 km lang, ca. 18 km breit, bis zu 25 m tief, Baubeginn war 1953, am Ufer gibt es zahlreiche Strände und touristische Anlagen. Das „Akademische Städtchen“ Akademgorodok, 1957 mitten im Wald errichtet, war mal zu sowjetischen Zeiten eine privilegierte Zone der akademischen Elite und das wissenschaftliche Zentrum Sibiriens und ist es eigentlich auch heute noch. Der Ruhm ist etwas verblasst, jetzt macht sich dort die Forschung rund um Computer breit. Trotzdem wird immer noch erfolgreich auch auf anderen Gebieten geforscht.
Wir fahren zurück nach Nowosibirsk, schauen uns ein wenig die Stadt an, die Kapelle St. Nikolai war mal das Symbol für den geografischen Mittelpunkt des Russischen Reiches und fahren mit der U-Bahn zu einer großen Markthalle. Jedes Segment hat andersfarbig angezogene Verkäuferinnen und Verkäufer, Obst in Grün oder Gelb, Geflügel in Rot, Fisch hat Blau-Weiß und eine sichtlich stolze, sehr freundlich lächelnde Fischfrau lässt uns verschiedene Sorten von Räucherfisch und Kaviar probieren, da könnte ich bleiben. Nebenan wird in einem großen Steinkessel Fladenbrot gebacken. Am Ende des Marktes ist es nicht so schön und bunt, da stehen alte Leute und bieten an, was sie so entbehren können oder müssen, viel Selbstgemachtes aus Garten und Küche, die Renten sind eben niedrig.

Vor der städtischen Bibliothek singt und spielt ein gemischter Kosakenchor in Trachten beliebte Weisen, einige Titel stammen aus Kriegszeiten und das meist ältere Publikum kennt sie und singt mit. Am Rande tummeln sich ein paar bemalte Punks und drei ältere Männer tanzen recht unsicher, Wodka beflügelt die Schritte. Den bekommen wir anschließend zwar nicht, dafür aber ein Mittagessen in einer Art Folklore-Restaurant, liebevoll dekoriert mit allen Sachen, die man sich so als russische Volkskunst vorstellt. Es gibt Salat, eine Gemüse-Suppe mit saurer Sahne und Brot, Kartoffeln sowie mit Tomaten und Käse überbackenes Schnitzel. Dazu trinkt man, wie hier üblich, Beerensaft. Wir bummeln weiter und kommen zu einem Feinkostgeschäft, etwas Besonderes hier in der Stadt, kürzlich eröffnet und wohl ein großer Erfolg. Da gibt es ausgesuchte Delikatessen aus den Flüssen und Wäldern Sibiriens, vom Geschäftsinhaber und seinen Freunden selbst erlegt oder gefangen. Wir dürfen reichlich probieren: gelben Kaviar, Bärenfleisch geräuchert, getrocknet als Chips, als gekochte, geräucherte, gedämpfte Wurst, Rentier-Carpaccio, Hirsch-Filet, Reh-Wurst, Biber-Fleisch, getrockneten Fisch und einiges mehr. Viele Sachen dabei, die ich noch nie gegessen habe, aber alles sehr geschmackvoll, auch wenn einige von uns recht zögerlich zugreifen. Langsam ist es Abend geworden und Viktor Dann, Chef von Olympia-Reisen Sibir, nimmt uns mit in die Küche eines Einkaufszentrums, dort sollen wir unser Abendessen selbst herstellen. Zur Begrüßung gibt es –endlich- ein Gläschen Wodka und noch eines, dazu Brot und eingelegte Pilze. Dann müssen wir ran, es gilt die sibirische Spezialität „Pelmini“ selbst herzustellen. Das sind in Wasser oder Brühe gekochte und mit Fleisch gefüllte Teigtaschen, sie gehören zu den beliebtesten russischen Nationalgerichten. Den Teig hat eine freundliche junge Dame schon vorbereitet und weist uns dann in die recht komplizierte Fertigung ein, zwei weitere Damen helfen uns. Mit bemehlten Händen rollen und schneiden wir Teigstücke, füllen diese und versuchen sie in die rechte Form zu bringen. Am Anfang äußerst kläglich, die sehr misslungenen Stücke legen wir an die Seite, später kriegen wir aber dann doch sehr schöne Exemplare ganz richtig hin, sicher hat der Wodka dabei geholfen. Im Topf ziehen die Kunstwerke und dann können wir essen, dazu gibt es durchwachsenen kalten Speck und saure Gurken und noch etwas Wodka. Es schmeckt sehr gut, ich hätte die Füllung aber etwas mehr gewürzt und spät klingt der Tag mit einem letzten Gläschen aus.

Kulturelles Leben in Nowosibirsk spielt sich in Galerien, Museen und Theatern ab und wir besuchen am nächsten Tag das „Akademische Opern- und Ballet-Theater“, wo uns der Direktor empfängt und stolz sein mit vielen Preisen bedachtes Haus vorstellt. Im „Russisch-Deutschen-Haus“ werden wir später von der Leiterin, Frau Netschaeva, begrüßt, junge Leute geben ihr Bestes mit Musik und Gesang, das ist schön und angenehm variationsreich anzuhören. Wir schauen uns eine kleine Ausstellung an, alle Beteiligten bemühen sich die vielen Fragen zu beantworten und sind wirklich extrem freundlich. Wie auch alle Personen die wir bisher in Sibirien getroffen haben und noch treffen werden. So herzlich empfangen, liebevoll und aufmerksam betreut zu werden habe ich selten erlebt, man hat das Gefühl nach kurzer Zeit ist man in die Familien aufgenommen, eine sehr prägende und positive Erfahrung. Wir müssen leider vorerst Abschied nehmen von Nowosibirsk und fliegen mit einer Propeller-Maschine gut 450 km in die Republik Altai nach Gorno-Altaijsk.

Das Wetter ist wolkig und die kleine Maschine wackelt bedenklich, es wird still auf den Plätzen. Eine Abtrennung zwischen den Passagieren und den beiden Piloten gibt es nicht. Draußen hat sich die Gegend verändert, drinnen die Gesichtsfarbe. Es tauchen Berge auf, mäandernde Flusssysteme mit Sandbänken und Inseln, von Wäldern umgeben. Nach der Landung will ich die Leuchtschrift mit dem Namen des Flughafens fotografieren, das wird sofort energisch verboten. Lustiger Weise gibt es dieselbe Schrift auf der anderen Seite des Gebäudes, da hat keiner was dagegen. Wir besteigen einen robusten russischen Bus, fahren entlang des Ufers der Maima, einem Nebenfluss der Katun an Gorno-Altaijsk vorbei. Es ist die einzige Stadt im Altai und hat die geringsten ökologischen Probleme aller Städte in Sibirien, nennenswerte Industrie gibt es im ganzen Altai nicht. Der ist nachweislich schon seit 600 000 Jahren besiedelt, nicht weit von hier in der Denisova-Höhle, hat man vor einiger Zeit den Fingerknochen einer bisher völlig unbekannten Menschenart entdeckt.
Unterkunft beziehen wir im „Tourcomplex Mangerok“ am Ufer der Katun, sehr herzlich begrüßt vom Direktor Sergey Ivanovic Zjablickij, der uns schon nach wenigen Stunden richtig ans Herz wächst. Wir wohnen in schönen, zwischen den hohen Nadelbäumen verstreuten Holzhäusern, die Zimmer mit Bad sind einfach, aber hübsch eingerichtet. Am Eingang wacht ein silberner Kopf von Lenin, nachts eine gute Orientierungshilfe. Es gibt Abendessen, Salat, Nudelsuppe und Hühnerkeulen mit Kartoffelpüree, dazu den üblichen Saft oder Tee. Später findet sich auch ein Fläschchen Wodka. Der nächste Tag beginnt ganz offiziell mit einem Empfang beim stellvertretenden Ministerpräsident der Republik Altai Robert Paltaller und dem Minister für Tourismus und Unternehmertum E. V. Larin im Ministerium in Gorno-Altaijsk. Freundlich und auskunftsbereit werden Fragen beantwortet: Insgesamt kamen 2013 ca. 1.5 Millionen Touristen in die Republik Altai, davon 10 000 aus dem Ausland, etwa 300 aus Deutschland. Tourismus gibt es schon lange, zu Sowjet-Zeiten gab es hier viele Kinder-Erholungsheime. Der Reichtum der Region ist die absolut unverfälschte Natur mit vielen Landschaftsformen wie Bergtundra, Steppe, Taiga und ca. 7000 Seen, 20 000 Flüssen, Wasserfällen und einer majestätische Bergregion mit Gletschern und Gipfeln wie den Belucha mit 4506 m Höhe. In den riesigen Wäldern gibt es einen reichen Tierbestand mit u.a. Bären, Rotwild, Luchse, Rentiere, Wölfe und dem merkwürdigen Maral-Moschushirsch ohne Geweih, dafür mit Hauer-artigen Eckzähnen bis zu 7 cm Länge. Deshalb gibt es auch Tier- und Jagdtourismus, natürlich Sommer- und Winter-Sporttourismus in den Bergen und auf den zum Teil recht wilden Flüssen wie z.B. Wildwasserfahren. Für die Gäste gibt es die notwendige Infrastruktur in vielen Komplexen von der einfachen Unterkunft bis hin zu luxuriösen Anlagen, 20 000 Betten insgesamt, dabei liegen die Preise für die Unterkunft so ca. zwischen 25 bis 250 Euro pro Nacht. Besonders viele Deutsch-Russen kommen (wieder) zum Urlaub, einige bleiben auch ganz da und gründen Unternehmen. Ziel der Regierung des Altai ist die weitere Entwicklung, es gibt einen 5-Jahres-Plan, den die Zentralregierung in Moskau unterstützt, dazu gehört auch Werbung im Ausland und im Internet.

Wir bedanken uns freundlich bei den Herren und begeben uns auf einen kleinen Stadtrundgang, besuchen im ansehnlichen Zentrum das Nationaltheater und das Museum Anokhina. Dort gibt es alle Tiere der Region zu sehen, leider nur ausgestopft und die Besonderheit: Die „Prinzessin von Ukok“, die Mumie einer jungen Frau, die Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. in 2000 m Höhe in einem Kurgan-Grabhügel bestattet wurde. Der ewige Frost hatte das Lärchenholz der Grabstätte, organische Grabbeilagen, Pferdegebeine und sie selbst bemerkenswert gut erhalten. Im Original sehen kann man sie nicht, nur Fotos und eine Rekonstruktion der Grabanlage, die sibirischen Schamanen haben etwas dagegen und es ranken sich allerlei seltsame Gerüchte um den Fund, da ist man besser vorsichtig.
Vorbei an einigen unansehnlichen Plattenbauten fahren in das größere Dorf Tschemal, dem bedeutendsten touristischen Zentrum des russischen Altais am Ufer des Katun, unweit der Mündung der Tschemal mit ca. 3600 Einwohnern, umgeben vom farbreichen Mittelgebirgshöhen in einem engen Tal. In kleinen Ansiedlungen stehen größere und kleinere Holzhäuser, viele bunt, manche recht verfallen, schöne Fotomotive entlang der sehr guten Straße R 256. Die hat strategische Bedeutung weil sie in die unweite Mongolei führt, ist deshalb gepflegt, später wird es auf Nebenstraßen ganz anders. Schön gearbeitete Kirchen gänzlich aus Holz mit geschwungenen Dächern bieten Motive, ebenso die Wahlplakate einer kommunistischen Partei mit dem sehr ernst blickenden Josef Stalin. Im Hotel „Na Schumakh“ mit Schwimmbad gibt es ein feines Abendessen: Salat, allerlei sauer eingelegtes Gemüse, Kartoffeln mit einer Art Matjes und roten Zwiebeln, Ragout vom Maral-Hirsch (sehr lecker!) mit Beilagen, gutes Bier, den üblichen Saft. Nebenan feiert eine gemischte Gruppe ein rauschendes Fest mit allem Drum und Dran, wir werden freundlich eingeladen, mehr Zeit als für ein Gläschen bleibt aber nicht, es geht zurück in unsere Unterkunft. Später sitzen wir noch draußen um ein Lagerfeuer, essen sauer eingelegte Pilze und nehmen einige Gläschen Wodka zu uns und genießen die Nacht am Ufer der rauschenden Katun. Sterne sehen wir nicht, es hat sich bewölkt und später regnet es. Genau wie am nächsten Morgen, da machen wir uns auf zu einer der schönsten Stellen der Gegend, zur hohen Felseninsel „Patmos“ in der Katun. Zwischen steilen Felswänden führt eine solide, aber abenteuerliche Hängebrücke hinüber zu einer kleinen Holzkirche und einem russisch-orthodoxen Nonnenkloster mit Einsiedelei. Unten rauscht der Fluss, von oben der Regen und drinnen erzählt ein eifriger Priester mit großer Würde sehr viel und das alles natürlich auf Russisch. Gut, das wir Sergey und besonders Sabine aus München dabei haben, die können alles übersetzen. Besonders dankbar sind wir Sabine Gladkov von der Agentur „hartzkom“, die ist während der von ihr initiierten Reise stark gefordert mit Übersetzungen, aber selbst schuld, warum hat sie auch Russisch studiert. Wir verlassen die Insel über die nun recht schwankende Hängebrücke, das Wetter wird besser und wir halten später im Dorf Tscheposch an einem hübschen Haus, das wie ein Puppenhaus aussieht. Und das ist es tatsächlich, drei gesetztere Damen empfangen uns in prächtigen Trachten und erzählen viel über russische und sibirische Puppen, warum sie keine Gesichter haben, erklären die Geheimnisse der Matrjoschka-Puppen, alles etwas esoterisch angehaucht. Damit das auch richtig bei uns ankommt, ziehen wir russische Trachten an, leider sind die nicht zu kaufen. Später basteln wir unter Anleitung kleine Puppen, die man auf einen Finger stecken kann, Kinder hatten so etwas. Den Stoffteilchen in der jeweiligen Lieblingsfarbe kann man alle seine Sorgen erzählen, es soll helfen. Manche Puppe wird gekauft und schaut jetzt von hier ins ferne Sibirien.

Im Tourkomplex Zarskaja Okhota essen wir noch zu Mittag und begeben uns dann auf feste Schlauchboote und fahren die Katun hinauf zum Kamyshlinsky Wasserfall im Wald. Auf der rasanten Rückfahrt kommt endlich die Sonne heraus, also alle Fotos noch einmal machen. Später entdecke ich im Hof des Hotels einen großen Eisenkäfig, darin ein beachtlicher Bär. Nicht gerade ein idealer Aufenthaltsort für so ein gewaltiges Tier, aber, so wird mir erklärt, er ist schon sehr alt, draußen würde er nicht überleben. Wir fahren weiter auf der guten Straße, halten in kleinen Ansiedlungen und finden ein Holzhaus schöner als das andere. Manchmal sieht das schon recht verwunschen aus, aber oft ist einfach kein Geld da, das besser zu machen. Dann erreichen wir eine Brücke und unten am Ufer dümpelt ein großes Schlauchboot, Rafting ist angesagt. Mir geht es nicht so gut, schweren Herzens verzichte ich auf die Mitfahrt. Das Auto mit dem Bootsanhänger kommt die steile Abfahrt zur Straße nicht hinauf, wir schieben, geht aber nicht, erst ein schwerer SUV aus den USA zieht das russische Gefährt rauf. Mich nimmt ein Kollege vom Boot-Verleih mit, wir begleiten die Mutigen draußen im Boot, die sich durch die Stromschnellen kämpfen. Später zeigt sich die Kraft der Katun, an einer Stelle in einem kleinen Dorf hat der Fluss im Frühjahr mal eben auf gut sechs Meter Höhe Ufer samt Straße und Häuser abgerissen, eine kleine Insel ist entstanden. Da gehe ich rauf und mache noch ein paar Fotos als das Boot heran schießt. In unserer Unterkunft kommen die Überlebenden an und sind total begeistert. Inzwischen ist in der Banja, dem russischen Dampfbad, der Holzofen angeheizt, es wird kräftig geschwitzt und dabei der Körper mit frischen Birkenzweigen abgeschlagen. Ich lege mich lieber hin, am Abend geht es mir besser. Leider müssen wir Abschied nehmen vom Altai mit seiner wilden Schönheit, dem reichen kulturellen Erbe und seinen freundlichen Menschen. Einen winzigen Teil haben wir gesehen, viel viel mehr gibt es noch zu entdecken. Sicher ist bei uns allen die Gewissheit, hier müssen wir unbedingt noch einmal hin.

Nach einem kräftigen Frühstück verlassen wir den wildromantischen Altai und fliegen zurück nach Nowosibirsk. Im Expo-Center, nicht weit weg vom Flughafen, erwartet uns die örtliche Presse und das Fernsehen, heute werden mal wir befragt. Am runden Tisch diskutieren wir mit Vertretern der örtlichen Politik, schauen uns das hochmoderne Center mit seinen Messehallen an, lassen uns später über die angrenzende Sonderwirtschaftszone informieren. Am späten Nachmittag geht es zurück zum Flughafen, es steht der Weiterflug nach Tomsk an. Zur Verfügung steht eine kleine Cessna mit 10 Sitzplätzen, aber unser Gepäck ist zu schwer. Also die Koffer plündern, die schweren Teile raus und hier zwischen gelagert. Es regnet wieder und wir fliegen die gut 260 km beständig, aber völlig ruhig und ohne jede Sicht durch Wolken. Im Zentrum checken wir im „Hotel Tomsk“ am Bahnhof ein und sind rechtschaffen müde.

Am nächsten Morgen ist das Wetter auch nicht viel besser und unser erster Ausflug geht in das Kosakendorf Cemiluzhenskij. Als Kosaken bezeichnet man Gemeinschaften freier Reiterverbände, zu denen sich flüchtige Leibeigene zusammenschlossen. Sie spielten eine wesentliche Rolle bei der russischen Eroberung und Erschließung von Sibirien. Zur Wiederbelebung und Reorganisation des Kosakentums kam es während der Ära Gorbatschow. Kennzeichnend für diese als Neo-Kosaken bezeichneten Gruppierungen ist, dass sie sich nicht als Gesinnungsgemeinschaften definieren, denen neben den Abkömmlingen echter Kosakenfamilien auch Personen angehören können, die sich für die „Wiedergeburt“ des Kosakentums einsetzen wollen. Am Eingang des mächtigen Holz-Forts werden wir vom Kosaken-Häuptling Wladimir Fjoddrowitsh und hoch gewachsenen Kämpfern erwartet, freundlich sieht anders aus. Aber dann treten Frauen hervor, singen und tanzen ein herzliches Empfangslied, begrüßen uns mit Brot und Salz und bitten uns hinein. Es gibt Werkstätten und Aufenthaltsräume mit warmem Lehmofen, sowie eine kleine Kirche, wo uns Wladimir, ein ehemaliger Polizist, mit dröhnender Stimme eine heilige Ikone zeigt. Auch gibt es zwei „Wundersteine“ mit Rosetten-Ornamentik, aus denen hin und wieder auf geheimnisvolle Weise Flüssigkeit austritt, ein Wunder also. Das Berühren soll Glück bringen, das tue ich natürlich, wir werden sehen. Draußen zeigen inzwischen zwei Männer Ausrüstungen und historischen Waffen, mächtige Hellebarden, alte Gewehre und führen einen Schwertkampf vor. Auch ich kreuze mit einem Kosaken die (schweren) Klingen, im Ernstfall wäre ich jetzt sicher schon tot. Zwischendurch singen die Frauen noch ein paar fröhliche und melancholische Lieder, der Chef sitzt zufrieden auf seinem mit einem Bärenfell geschmückten Thron und dann dürfen wir wieder basteln, eine Art glückbringendes Amulett, zwei gekreuzte Holzstäbe mit bunten Stofffäden. In Mexico heißen die „Toi Kuri (Gottesaugen) und siehe da: so etwas hängt auch bei mir im Arbeitszimmer, hat mein Sohn mal im Kindergarten gebastelt.
Ich suche eine Toilette und finde ein kleines Häuschen mit Loch im Boden, sehr rustikal.

Wir verlassen die freundlichen Kosaken, essen zwischendurch zu Mittag. Es gibt Salat und Brot, die Suppe Borschtsch mit saurer Sahne, Schnitzel mit Kartoffeln und als Nachtisch die allgegenwärtigen Blini mit saurer Sahne. Das sind dünne Eierkuchen, die warm und eingerollt, mit unterschiedlichsten Füllungen gegessen werden. Wir fahren weiter zum „Kulturzentrum Lampsakov“, das Anwesen eines ehemals bedeutenden russischen Arztes. Ein Freilicht-Museum in einem Birkenwald mit schönen Holzhäusern und der historische Krankenstation mit den ärztlichen Instrumenten. Großartig werden wir empfangen, wieder mit Brot und Salz, drei Dutzend Kinder in bunten sibirischen Volkstrachten singen und tanzen, wer will, kann mitmachen. Aus kleinen Tonbechern trinken wir warmen Früchtesaft aus einem Kessel über dem Lagerfeuer, zwischen den Birken wachsen seltene Blumen und große Pilze, schön hier. Im Birkenrindenmuseum bestaune ich, was man alles aus der Rinde fertigen kann, ohne den Baum dabei zu schädigen, das Abgeschälte wächst einfach nach. Es gibt tägliche Gebrauchsgegenstände und hübsche Kunstwerke, mit großem Ideenreichtum geschmackvoll gefertigt. Das kann man alles kaufen und davon wird auch reichlich Gebrauch gemacht, die Preise für die schönen Dinge sind niedrig.

Im Landschaftspark Okoliza im Dorf Katun erwartet uns recht würdevoll in einer prächtigen sibirischen Tracht gekleidete Dame und führt uns durch die weitläufige Anlage im Wald. Fasziniert wandern wir von einem Ausstellungstück zum anderen, alles ist aus Holz gearbeitet, unmöglich aufzuzählen, was die Künstler da geschaffen haben, jeder Blick, jede Skulptur ein neues Erlebnis, manches recht skurril oder einfach nur lustig anzuschauen. Unter einem Dach werden wir wieder empfangen, natürlich mit Brot und Salz, eigentlich könnte man sich allein davon ernähren. Aber es steht noch viel mehr auf den Tischen, wir setzen uns, lauschen der Musik und den fröhlichen Liedern der gemischten Gruppe. Dabei wird gegessen, Brot, Gurken, fetter Speck, eine Suppe und natürlich wieder reichlich Blini.
Wir fahren weiter ins Dorf Vysokoe in der Nähe von Zyrijanskoe. Dort erwartet uns nicht nur der Besitzer eines Gästehauses mit Karpfenteich, sondern auch gleich eine ganze Gesellschaft. Anatolij Viktorovic Kozhin strahlt uns aus zwei Reihen Goldzähnen an, hält eine kleine Rede und gibt dann das Feld frei für vier Damen, die uns mit eine langen Gedicht begrüßen und natürlich mit …sie wissen schon. Dann wird noch gesungen und getanzt, die Trachten fliegen und unversehens werden wir geschnappt und wirbeln über die Wiese. Nur ich nicht, denn ich fotografiere die idyllische Umgebung, den romantischen Teich im Wald, Anlegesteg, die Banja, den rustikalen Großgrill mit dicken Holzscheiten drin, die Kessel über dem Feuer und ein sehr langes Zelt mit sehr langen Tische, die sich schier unter Köstlichkeiten biegen. Aber erst Mal bekommen wir den Begrüßungsschluck, nein, keinen Wodka, sondern eine sibirische Spezialität, einen Zirbelkieferschnaps mit gut 42 % aus den Zapfen oder „Nüssen“ des Zirbelkieferbaumes. Im Glas sind gleich „Sto Gramm“, also um die 10 cl, eine Menge die reicht, um einen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Es wird als große Unhöflichkeit angesehen, eine Einladung zum trinken auszuschlagen bzw. das Glas nicht auszutrinken - zumindest aber wird man dann als "Weichei" betrachtet. Das wollen wir nicht, trinken, der Geschmack ist gewöhnungsbedürftig, ich fand ihn lecker. Ich habe mir sogar eine Flasche mit nach Hause genommen. Einige Frauen aus unserer Gruppe schwächeln, die aus Sibirien überhaupt nicht. Später lerne ich, das Glas nicht ganz auszutrinken, denn ein leeres Glas wird sofort wieder aufgefüllt. Wer möchte, kann auch auf Wodka ausweichen, der hat sogar weniger Prozente und heißt „Parlament“ oder Krimsekt „Schampanskoje“, natürlich sind auch die üblichen Säfte da, oft auch aus eigener Produktion. Es werden Trinksprüche ausgebracht, bei denen man natürlich das Glas lehren muss, draußen sitzt ein ca. 75jähriger Diskjockey in einem kleinen Zelt und macht Partymusik. Dann darf auch zugelangt werden, es kommt eine kräftige Fleischsuppe auf den Tisch, schwierig, da kaum noch Platz ist zwischen all den Schüsseln und Tellern voll Brot, Gebäck, Pilze, Kartoffeln, Obst, eingelegtem Gemüse, Gurken, allerlei Fisch geräuchert, gebraten, eingelegt, roh, Salat und und und… Die nächste dampfende Suppe wird gebracht, eine aromatische Fischsuppe, die ist wirklich grandios lecker. Für wenige Sekunden ist mein Glas leer, gleich ist es wieder voll für den nächsten Trinkspruch und für Gratulationen, denn eine der Damen aus Sibirien und eine aus unserer Gruppe haben heute Geburtstag. Dafür gibt es Blumen, ein kleines Geschenk und eine riesige quadratische knallbunte Torte. Die muss angeschnitten werden, aber essen will die jetzt noch keiner, gerade werden große Spieße mit Fleisch gebracht. Die Stimmung wird zusehens lockerer, ein Gläschen geht noch, draußen wird schon wieder getanzt, einige gehen mal eben für einen Gang in die Banja. Trotz der Sprachbarrieren unterhalten wir uns, eine Frau kann etwas Englisch, ein Mann etwas Deutsch, weil er in der DDR stationiert war, es ist richtig schön, wieder ist das Gläschen voll. Unser Fahrer sitzt recht still in einer Ecke und genießt sein Gläschen mit Saft, und nur Saft. Betrunken sollte man hier nicht Auto fahren, die Strafen sind drastisch. Irgendwann müssen wir gehen, verlassen unsere neue gastfreundliche Familie und Freunde, ein wunderbarer Abend. Wie bin ich eigentlich in mein Bett gekommen?
Gut, ein bisschen dröhnt mir noch der Kopf am nächsten Morgen beim Empfang in der Staatlichen Kultureinrichtung „Russisch-Deutschen Haus“ durch den Leiter Alexander Heier und sein Team. Der wird uns den ganzen Tag begleiten und hilfreich zur Seite stehen, ein freundlicher Mann mit großer Sachkenntnis und einem feinen Humor. Wir schauen uns die kleine Ausstellung über die Geschichte der Russlanddeutschen an, berührend, welch tragischen Lebensgeschichten sich hinter vielen kleinen Dingen verbergen. Zu den Aufgaben des Bildungs- und Informationszentrums gehört die Erhaltung von Kultur und Sprache der Russlanddeutschen wie Sprachausbildung, Kulturveranstaltungen, soziale Hilfen, Kinder- und Jugendarbeit, aber auch die Förderung von Gesangs- und Volkstanzgruppen. Wir bekommen ein Buch als Geschenk, den „Tomsk Illustrierter Digest-Stadtführer“, ein sehr informativer Band mit extrem vielen Informationen und in deutscher Sprache. Bis man den durch hat und alles besichtigt und besucht, kennt man die Stadt wohl besser als ein Einheimischer, sehr schön gemacht.

Für die Stadt Tomsk ist der 14.September ein ganz besonderer Tag, da wird das Stadtjubiläum gefeiert, 410 Jahre nach der Gründung. Überall in der Innenstadt findet etwas statt, wir laufen hinauf auf den Auferstehungsberg. Hier entstand 1604 die Stadt auf Befehl des Zaren Boris Godunow und des Fürsten Tojan, zuerst als Festung, ein Gedenkstein erinnert daran. Daneben steht eine große Kanone, die wird jeden Tag um 12 Uhr abgefeuert, so auch heute. Innerhalb der Tomsker Festung mit dem Erlöserturm, der Feuerwachturm, dem Stadtgeschichtlichen Museum und einer Kirche hat man eine Bühne aufgebaut. In historischen Kostümen tauchen Fürsten, Tataren, Kaufleute, Kosaken und Kaufleute auf und stellen in szenischen Bildern die Gründung der Stadt nach, mal ernst, mal lustig. Aber nicht nur die Akteure sind verkleidet, auch viele Leute im Publikum. In einer Ecke steht ein Tataren-Stamm, dort Bäuerinnen und Bauern in prächtigen Trachten, die singen und tanzen und viel Volk macht gleich mit. Ein Trupp Französischer Soldaten aus der Napoleon Zeit feuert Gewehre ab und auch die uns schon bekannten Kosaken sind zu sehen, die sind als Ordnungskräfte eingesetzt. Uniformen aus dem Großen Vaterländischen Krieg werden getragen, manch sehr alter Veteran zeigt stolz seine ordensgeschmückte Brust. Kinder und Erwachsene haben typische Uniformen und Bekleidungen aus der Sowjetzeit wohl noch zu Hause und laufen jetzt damit herum, manchmal glaube ich mich in die Sowjetunion der 70er Jahre versetzt. Deutsche Uniformen habe ich nicht gesehen. Zwischendurch taucht der Bürgermeister im taubenblauen Anzug auf und begrüßt uns. Nach dem Ende der Vorführung formiert sich ein Festumzug und zieht hinunter in die Stadt.

Wir laufen ein wenig mit, halten aber am Restaurant „Pelmeni-Projekt“ an. Davor stehen ein geschmückter weißer russischer Oldtimer und ein Brautpaar. Als die weg sind, kommt schon wieder ein Brautpaar und so geht das weiter, nebenan im Haus wird geheiratet. Das wollen wir jetzt nicht und bekommen dafür ein außergewöhnlich gutes Mittagessen. Die Chefin des Restaurants hat es sich zur Aufgabe gemacht, die beliebten Pelmeni-Teigtaschen neu und anders zu interpretieren. Zur Vorspeise wird eine dicke Kürbissuppe mit Croutons und Speck serviert, richtig gut. Danach kommen tiefschwarze Pelmeni auf den Tisch, gefärbt mit Sepia-Tinte, gefüllt mit Gemüse und Meeresfrüchten, dazu eine weiße Sahnesoße. Selten habe ich das in der Form so gut gegessen, einfach grandios. Nicht alle waren so begeistert und ich tausche meine Blini gegen weitere Pelmeni, ein guter Deal.

Wir laufen in die Innenstadt, schauen uns eine ganze Menge Holzhäuser in jedem nur erdenklichen Erhaltungszustand an, denn für seine vielen prächtigen Holzgebäude ist die Stadt bekannt. Auch die am wenigsten gepflegten Häuser dürfen nicht abgerissen werden, es gibt eine bindende Satzung, dass die nicht entfernt, sondern restauriert werden müssen. Übrigens ist auf den Straßen in Tomsk Rauchen verboten, das geht nur da, wo ein Aschenbecher steht, wird aber ziemlich frei interpretiert. Wir wollen eine breite Straße die wegen der Festlichkeiten vorübergehend gesperrt ist überqueren, aber ein Polizist lässt das nicht zu und weist auf die beiden Fußgängerüberwege hin, die sind aber je gut 300 m entfernt. Diskutieren bringt nichts, also laufen wir dahin. Später erzählt uns Herr Heier, das der Uniformierte ihn recht fassungslos gefragt habe, ob wir wirklich Deutsche gewesen wären, das könne er sich überhaupt nicht vorstellen, die würden sich doch immer ganz genau an Regeln und Vorschriften halten. Im Stadtpark tobt das große Volksfest, sehr viele Leute sind unterwegs und genießen die Kirmes-Atmosphäre. Viel gibt es zu kaufen, wunderschön verzierte Brote, Nahrungsmittel in allen Variationen, Kitsch, Trödel, Plastik, eben einfach alles. An einem Stand wird mit einer einfachen Maschine aus einer Kartoffel am Spieß eine lange Spirale gedreht und die frittiert, wohl sehr beliebt, es herrscht großer Andrang.

Wir schauen uns noch das „Erste Museum der Slawischen Mythologie“ an, eine private Gemäldegalerie. Alle Bilder sind sehr esoterisch, Themen aus vorchristlicher Zeit, Gottheiten, Tiere, idyllisch-geheimnisvolle Landschaften, Kämpfer, weise Männer mit langen Bärten, hübsche Frauen in kurzen Kleidern, allegorische Darstellung, also wirklich sehr mythisch. Mir gefallen die großformatigen Gemälde außerordentlich gut, für andere mag es Kitsch sein, wenn prächtig gekleidete Kaufleute Schlitten in eisigen Landschaften, gezogen von riesigen Mammuts oder prächtige Schiffe vor Pyramiden, beladen. Ich finde das das sehr sehenswert. Es gibt hier auch Veranstaltungen zur Herstellung von Talisman-Puppen, Bemalung von Matrjoschkas, Einrichtung und Bau von Häusern und Ratschläge zur Lebensordnung auf anderen Ebenen. Viel Literatur und auch Souvenirs kann man kaufen. Wir gehen zurück zum Auferstehungsberg, schauen uns noch im Stadtgeschichtlichen Museum die Geschichte der Kaufleute von Tomsk an. Dazu werden wir in historische Kostüme gekleidet und durch die Ausstellung „Das erste Tomsker Jahrhundert“ geführt. Anschaulich, auch mal mit Klavier und Gesang, wird durch die Geschichte der Eroberung Sibiriens und Gründung der Stadt Tomsk geführt. Übrigens, mit „Sibirien“ bezeichnet man streng genommen nur das Gebiet zwischen Ural und dem Baikal, den Teil östlich davon nennt man in Russland „Ferner Osten“. Ausländische Besucher hatte die Stadt 2013 ca. 30 000, davon aus Deutschland ca. 1500. Unser letzter Weg in Tomsk führt uns in ein Restaurant und dann in den Bus. Mit fahren wir zurück nach Nowosibirsk, nachts auf der russischen Autostraße, mehr als 300 km. Die Straße ist mal sehr gut, mal sehr schlecht, es wird überall gebaut, auch in der Nacht. Wir sehen, wie auch in den Städten davor, viele Unfälle, manche ganz heftig. Es wird wild überholt, auch an den unmöglichsten Stellen, mehrmals muss unser guter Fahrer heftig bremsen. Ich bin froh, als wir im Hotel in Nowosibirsk noch etwas Schlaf bekommen, denn gegen 07.00 Uhr geht der Flug zurück nach Frankfurt.

Fazit: Sibirien zu beschreiben ist sehr schwer – man muss es erleben. Und wer einmal dort war, sagt einhellig: Faszinierend, schön, unvergesslich, auf jeden Fall wiederkommen. Für mich steht fest: Die Zukunft Sibiriens liegt im Tourismus oder vielleicht anders gesagt, die Zukunft des Tourismus liegt in Sibirien.
Die Recherche wurde ermöglicht durch u.a.: Olympia Reisen Sibir, und S7 Airlines.
Nützliche Links: www.nowosibirsk.ru, www.regionen.ru, www.olympia-reisen.ru http://www.econom22.ru/press-centre/publication/altaitourist2009.pdf (Inhaltsverzeichnis am Schluss!)
Tomsk Illustrierter Digest-Stadtführer: ISBN 978-5-902514-48-0
Autor: Wolfgang Grüner



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